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Armenian Spirit

Armenian Spirit

Yerevan ist heuer die „Welthauptstadt des Buches". Wieso gerade diese armenische Metropole, die uns eher durch Witze von Radio Eriwan in den 70er Jahren bekannt ist? Viele wissen nicht, dass Armenien nicht nur eine uralte Kulturnation, sondern vor allem eine Literaturnation ist. Und das seit 3000 Jahren und vor allem seit 408, als das von Mesrob Mahsdots neu geschaffene armenische Alphabet eine Blüte des literarischen Schaffens mit sich brachte. Originäre Dichtungen, auch historische Werke, theologische Literatur und Übersetzungen aus allen Sprachen der damaligen byzantinischen und arabischen Welt, machten das Land rund um den Ararat zu einem Zentrum des literarischen Bewusstseins.

Der Blütezeit des frühen Mittelalters folgten viele Phasen der Depression, dann wieder Jahrzehnte überschwänglicher Produktion, etwa im späten 18. Jahrhundert, als die Rezeption der europäischen Klassik neue Impulse gab. Universalgelehrte und kluge Philologen schufen ein neues armenisches Literaturbewusstsein, brachten System in Sprache und Mythologie. So wurde bis zum Beginn des ersten Weltkriegs in einem weitreichenden armenischen Kulturland (jenseits der politischen Grenzen) von Tiflis bis Istanbul, von Aleppo bis Charkov mit großer Energie produziert. Im „europäischen Stil" ebenso wie nach orientalischer Tradition oder aber beides verschmelzend. Armenier verstanden sich seit jeher als Mittler und Übersetzer zwischen Orient und Okzident, das spiegelt sich natürlich auch in der Literatur wider.

Eine Zäsur bildet natürlich den Völkermord des Jahres 1915, der viele Zentren des Kulturlebens im heutigen Ostanatolien auslöschte. Intellektuelle wurden von den damaligen Machthabern, den Jungtürken mit besonderer Konsequenz ausgerottet. Im späteren, nunmehr sowjetischen „Restarmenien", das ungefähr ein Zehntel des historischen Territoriums umfasst, begann man ab 1920 auch die armenischen Literaturtraditionen zu rekonstruieren und fortzuführen. Das Gebäude der Nationalbibliothek „Matenadaran" in Yerevan zeugt von diesen Anstrengungen und dem neuen Selbstbewusstsein. Es handelt sich eben nicht nur um ein Schriftenmuseum, sondern um ein Forschungszentrum, in dem stets auch die Zukunft der Literatur mitgedacht wurde und wird. Nicht umsonst war auch der derzeitige Direktor, Hratchea Tamrazean, in den 90er Jahren vor allem Dichter. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion begann ab 1989 sowohl in der Politik als auch unter den Kulturschaffenden eine intensive, sehr spannungsreiche Zeit der Selbstfindung und Neudefinition. 70 Jahre Realsozialismus konnten nicht so einfach weggewischt werden, zugleich war das mittelalterliche Erbe präsent wie selten zuvor, nicht zuletzt in der Rezeption religiöser Literatur (Grigor Naregatsi). Beides spiegelt sich in der Gegenwartsliteratur wider, wenn auch vielfältig gebrochen und modifiziert. Eine Brückenfunktion nimmt hier das Werk von Hrant Matevossian ein, der, noch in der sowietischen Tradition verwurzelt, das moderne armenische Literaturbewusstsein wesentlich geprägt hat. Seine Erzählungen atmen stets armenische Tradition und sind doch modern im besten Sinn. Matevossian hat auch durch seine Essays viel zur Neudefinition des kulturellen Selbstverständnisses beigetragen.

Es gibt bei Anthologien keine objektiven Kriterien für „das Beste". Wesentlich ist ein Querschnitt, der die aktuelle literarische Atmosphäre wiedergibt, ohne den „background" der vergangenen Jahrzehnte und Jahrhunderte unbeachtet zu lassen. In Yerevan, das mit Stolz den Titel „Welthauptstadt des Buches" trägt, sind viele Diskurse möglich geworden, die vor Jahren noch undenkbar gewesen wären. So muss die Verlagslandschaft völlig neu strukturiert werden. Derzeit mangelt es an unabhängigen Verlagen, an finanziellen Mitteln für qualitätvolle Editionen und an Möglichkeiten des Vertriebs. In der 1.5 Millionen-Stadt Yerevan gibt es kaum eine handvoll Buchhandlungen. Immerhin finden Autoren alternative Formen des Vertriebs. Nicht zu unterschätzen sind auch die literarischen Internetplattformen.

Eine der wirkungsvollsten Initiativen ist neben dem Filmfestival „Golden Apricot" das von David Matevossian wesentlich mitgetragene Projekt „literary ark" (seinerzeit, 2000, mitinitiiert von Christiane Lange, Berliner Literaturwerkstatt). Schriftsteller aus zahlreichen europäischen Ländern verbringen eine Woche mit armenischen Autoren, reisen durch Land, erfahren und übersetzen, präsentieren ihre Werke und schreiben Texte, beeinflusst vom „Armenian Spirit".