Der Überblick

ENTENARSCH

ENTENARSCH

"Mein Derwisch", flüsterte Adenrauer damals dem Georg Iwanowitsch ins Ohr, "mein Derwisch", flüsterte Adenauer, doch Georg Iwanowitsch war nicht sein Derwisch. Gurdjeff, wie er sich auch nannte, hatte vielleicht Heißhunger auf Adenauers Tochter, die "Schnelle Porschin", aber sicherlich kein Interesse an ihrem Vater, der den Wallfahrtsort zwar vorzüglich verwaltete und als federngeschmückter "Muttergotteshäuptling" viele Menschen anzog, aber sicher nicht Georg Iwanowitsch, der sich einzig und allein von der heißen, ja überheißen Porschin angezogen fühlte, wie auch schon seinerzeit in Mariazell. Die beiden hatten sich auf der dorthin führenden Autobahn kennen gelernt, er auf seinem Wallach mit Steirerhut, sie ausschließlich singend und laufend, wie es ihre Art war. Bald hatten sie sich mitten auf der Straße in einem eng umschlungenen Gottesmutterduett zusammengefunden, worauf sie ihre Laufschuhe an das Pferd verfütterte und er dasselbe erschoss. Nie mehr so schnell, schworen sich beide, obwohl die Porschin eine echte Porschin war und Gurdjeff für seinen rasanten Galopp und so manche schnelle Drehung um die eigene Achse berühmt berüchtigt. Nach Mariazell muss geschlichen werden, erkannte Gurdjeff sehr bald in den Armen der Porschin, der Weg zur Gnadenmutter wäre eine einzige Pirsch im ersten Gang doch mit heißem Getriebe, erkannte die Dame - und sie setzten Weg, auf der Überholspur der Autobahn barfuss und äußerst besinnlich fort. Georg Iwanowitsch wäre zuerst wohl nur seinen Wallachen zuliebe auf Wallfahrt gewesen, denn "wenn Pferde beten, singen die Engel" heißt es bei den Mongolen. Nun war der Wallach tot und die Porschin neben ihm: doch umso lebendiger, mit einer inneren, gleichsam motorischen Hitze. "Wenn es heiß wird, in ihrem Kopf, in ihrem Bauch, verehrte Madame", beschwichtigte Gurdjeff seine singende Pilgerin, "dann lassen Sie mich ein Ei auf ihrem Schädel braten, zwischen Ihren beiden Zöpfen, und alles wird gut. " Die Porschin hatte es bald gerne, wenn das kühle Dotter langsam in ihren Nacken rann, während der Verkehr links und und rechts von ihnen dahinbrauste, zuerst nach Süden und dann nach Südwesten. Die beiden schliefen im Gehen und gingen im Liegen, nebenbei in aller Stille heilige Wiegenlieder singend. "Wären sie keine Adenauerin, ich könnte Ihnen diese gefährliche Pirsch nicht zutrauen, flüsterte Gurdjeff. "Sprächen Sie nicht dieses wilde Tscherkessisch, dann verließe mich tatsächlich die Wut", versicherte die Porschin. Ihr Vater sprach ja nur Kölsch mit lateinischem Akzent, und das sehr leise, wenn auch feierlich und immer feierlicher über dem Sonntagsbraten schwebend wie ein väterlicher Engel, doch dabei musste sie ruhig sein und jede Beschleunigung war ihr strengstens verboten, was besonders für eine Porschin in der Blüte ihrer Jahre zur Qual werden musste. Dieser Gurdjeff hingegen schenkte ihr, vor allem nach der Verfütterung der Laufschuhe und dem Tod seine Wallachen, seine ganze Aufmerksamkeit, was ihr das Herz rühren musste. Der Verkehr tobte, jener Verkehr, in den sich die Porschin immer so gerne hineingestürzt hatte, der Lärm war erstaunlich und die Hitze groß, doch beim Balancieren auf der weißen Markierung umwehte sie ein angenehmer, frischer Wind, wie am Ufer eines Flusses. Die Karosserien der vorbeibrüllenden Wägen glänzten verführerisch, die Windschutzscheiben blitzten, doch der Blick der Adenauerin verlor sich in der schwarzen Wolle von Gurdjeffs Astrachan-Mütze wie in einer kleinen Nacht. Der Asphalt wäre ihr wohl heiß vorgekommen, wenn ihre Schritte nicht so leicht und vorsichtig gewesen wären, wie es bei der Pirsch der beiden ja sein musste, denn die Mariazeller Muttergottes durfte nicht geweckt werden ...